Über 10 Jahre habe ich in internationalen Konzernen gearbeitet. Teams geleitet, Strategien entwickelt, Marken aufgebaut. Und mir dadurch ein gutes sechsstelliges Gehalt aufgebaut. Anfang 2026 habe ich meinen Job verloren. Mein ALG1-Bescheid: ca. 2.800 Euro netto im Monat.
Dieser Artikel ist für alle, die gerade in einer ähnlichen Situation sind oder sich fragen, was passieren würde, wenn sie ihren gut bezahlten Job verlieren.
Warum dein ALG1 so "niedrig" ist: Die Bemessungsgrenze
Die meisten Gutverdiener gehen davon aus, dass ALG1 60% ihres letzten Nettogehalts beträgt. Das stimmt — aber nur bis zur Beitragsbemessungsgrenze. Diese Grenze liegt 2026 bei 8.450 Euro brutto im Monat (bundeseinheitlich, keine West/Ost-Unterscheidung mehr seit 2025). Alles was du darüber verdient hast, zählt für die ALG1-Berechnung nicht.
Das bedeutet: Ob du 90.000 oder 300.000 Euro im Jahr verdient hast: dein maximales ALG1 ist gleich. Es wird auf Basis der Bemessungsgrenze berechnet, nicht auf Basis deines tatsächlichen Gehalts.
Die Rechnung im Detail
| Position | Betrag |
|---|---|
| Tatsächliches Jahresgehalt | 150.000 € |
| Bemessungsgrenze 2026 | 101.400 € / Jahr |
| Relevantes Brutto für ALG1 | 101.400 € (gedeckelt) |
| Tägliches Bemessungsentgelt | ~278 € |
| Leistungsentgelt (nach pausch. Abzügen) | ~156 € |
| ALG1 pro Tag (60%, ohne Kind) | ~94 € |
| ALG1 pro Monat | ~2.800 € |
| Vorheriges Netto (geschätzt) | ~7.500 € |
| Differenz pro Monat | -4.700 € |
Wichtig: Die 60% beziehen sich auf das pauschalierte Nettoentgelt (nach Abzug von Lohnsteuer, Soli und einem pauschalen Sozialversicherungsbeitrag), NICHT auf dein tatsächliches Netto. Deshalb kommt oft weniger raus als erwartet. Selbst innerhalb der Bemessungsgrenze.
Tipp: Nutze den Rechner der Agentur für Arbeit, um dein Arbeitslosengeld grob zu kalkulieren: pub.arbeitsagentur.de
Die Steuerfalle, die kaum jemand kennt
Was viele nicht wissen: Auf dein ALG1 zahlst du zwar keine Einkommensteuer, aber es ist trotzdem nicht wirklich "steuerfrei". Das Stichwort heißt Progressionsvorbehalt (§ 32b EStG), und er trifft fast jeden, der im selben Jahr sowohl Gehalt als auch Arbeitslosengeld bezieht.
So funktioniert es: Dein ALG1 wird zwar nicht besteuert, aber es wird zu deinem übrigen Einkommen hinzugerechnet, um deinen persönlichen Steuersatz zu ermitteln. Dieser höhere Steuersatz wird dann auf dein steuerpflichtiges Einkommen (z.B. Gehalt aus den Monaten, in denen du noch gearbeitet hast) angewendet. Das Ergebnis: eine oft unerwartet hohe Steuernachzahlung.
Wenn du z.B. bis Juni gearbeitet und danach ALG1 bezogen hast, wurde deine Lohnsteuer monatlich so berechnet, als hättest du das ganze Jahr dieses Gehalt. In der Steuererklärung wird dann aber das ALG1 mit einbezogen und dein Steuersatz steigt. Die Differenz musst du nachzahlen.
Was du sofort tun kannst
1. Fixkosten radikal durchleuchten
Der größte Hebel in den ersten Wochen sind deine Fixkosten. Nicht weil du dich einschränken sollst, sondern weil du wahrscheinlich Geld für Dinge ausgibst, die du nicht brauchst oder die du günstiger bekommen könntest.
Zumindest ging es mir so. Wenn du gut verdienst, dann schaust du nicht überall so genau hin. Das solltest du jetzt ändern. Hier ein paar Dinge die ich gemacht habe:
- Abos prüfen — Streaming, Software, Zeitschriften. Alles kündigen was nicht täglich genutzt wird
- Handyvertrag — Oft laufen teure Verträge aus der Gutverdiener-Zeit weiter. Prepaid oder günstigere Tarife prüfen
- Versicherungen — PKV ggf. in Basistarif wechseln, Restliche Versicherungen vergleichen
- Stromanbieter wechseln — Vergleichsportale zeigen oft 200-400€ Ersparnis pro Jahr

Allein durch konsequentes Durchleuchten meiner Fixkosten spare ich jetzt über 400 Euro im Monat. Stromanbieter gewechselt, unnötige Abos gekündigt, Handyvertrag umgestellt. Die konkreten Zahlen und Schritte zeige ich in meinem Video.
2. Arbeitslosigkeit produktiv nutzen (Karriere-Planung, Weiterbildung, Selbstständigkeit..)
Das wichtigste aus meiner Sicht ist es, die Arbeitslosigkeit als Chance zu nutzen und die aktuelle Situation objektiv zu beleuchten.
- Wo stehe ich aktuell?
- Wie verändert sich der Arbeitsmarkt?
- Hat mein Job Zukunft?
- Muss ich an meinen Skills arbeiten?
- Macht es Sinn mich umzuorientieren oder über eine Selbstständigkeit nachzudenken?
Die Agentur für Arbeit hat Instrumente, von denen sie dir nicht aktiv erzählt. Der Bildungsgutschein finanziert Weiterbildungen zu 100%. Der AVGS (Aktivierungs- und Vermittlungsgutschein) bezahlt professionelle Karriereberatung. Der Gründungszuschuss unterstützt den Schritt in die Selbstständigkeit.
Besonders als Gutverdiener mit Führungserfahrung bist du in einer starken Position für den AVGS. Die Agentur hat ein Interesse daran, dich schnell wieder in den Arbeitsmarkt zu bringen.
Tipp: Frag bei deinem nächsten Termin bei der Agentur explizit nach dem AVGS. Viele Sachbearbeiter bieten das nicht von sich aus an.
Aber wichtig: Prüfe deine Weiterbildungsmöglichkeiten kritisch. Dieser Weg ist nur sinnvoll, wenn du einen seriösen Bildungsträger wählst und die Weiterbildung dir wirklich relevantes Wissen und relevante Skills für deinen potentiellen nächsten Job vermittelt.
3. Legal dazuverdienen
Als ALG1-Empfänger darfst du bis zu 165 Euro pro Monat anrechnungsfrei dazuverdienen. Alles darüber wird auf dein ALG1 angerechnet. Wichtig: Jede Nebentätigkeit muss der Agentur gemeldet werden. Auch unter 165 Euro.
Wenn du bereits einen Nebenjob hattest, bevor du arbeitslos wurdest, gelten besondere Regeln (§ 155 Abs. 2 SGB III): Hast du den Nebenjob mindestens 12 Monate innerhalb der letzten 18 Monate vor Beginn des ALG1-Bezugs ausgeübt, kannst du ihn weiter ausüben. Dein Freibetrag orientiert sich an deinem durchschnittlichen Verdienst aus dieser Zeit, nicht an den 165 Euro. Hast du also z.B. durchschnittlich 400 Euro im Monat verdient, wird nichts davon auf dein ALG1 angerechnet. Voraussetzung: Die Arbeitszeit bleibt unter 15 Stunden pro Woche.
Eine weitere Option: Wenn du als Freelancer arbeitest und einen gut bezahlten Auftrag hast, kannst du dich für den Zeitraum des Auftrags vom ALG1-Bezug abmelden. In dieser Zeit beziehst du kein ALG1, verbrauchst aber auch keinen Anspruch. Dein Restanspruch bleibt erhalten und du kannst dich danach wieder anmelden.
Im Video gehe ich detailliert auf meine Situation ein. Mit echten Zahlen und konkreten Strategien.
Prüfe welche Förderungen in Frage kommen
Der Fördermittel-Check zeigt dir in wenigen Klicks, ob du Anspruch auf Bildungsgutschein, AVGS oder Gründungszuschuss hast.
Zum Fördermittel-CheckFazit: Es ist hart, aber steuerbar
Der Einbruch von einem hohen Gehalt auf ALG1 ist real und schmerzhaft. Die Bemessungsgrenze sorgt dafür, dass alle Gutverdiener gleich behandelt werden. Unabhängig davon, ob du 100.000 oder 200.000 verdient hast. Aber die Situation ist steuerbar: Fixkosten runter, Förderungen nutzen, strategisch dazuverdienen und am wichtigsten: die Zeit für eine echte Neupositionierung nutzen, statt in Panik den erstbesten Job zu nehmen.
Ich dokumentiere meinen gesamten Weg durch die Arbeitslosigkeit auf meinem YouTube-Kanal. Wenn du gerade selbst in dieser Situation bist: Du bist nicht allein.
Die ersten 30 Tage arbeitslos: Alles was Du beachten musst
20 Checkpunkte: Fristen, Förderungen, Steuerfallen, Spartipps. Zum Ausdrucken und Abhaken.